Paulus Hochgatterer / Barbara-David Brüesch
Makulatur
Schauspiel / Wien / Uraufführung
Von Paulus Hochgatterer
Eine Frau ist von Schönheitsoperationen besessen, ein Mann verfällt einem von der Überwachungskamera gefilmten Augenblick, ein Polizist gerät in Panik, weil er keinen Parkplatz findet, und ein Mädchen geht verloren. Paulus Hochgatterer ist Psychiater und erfolgreicher Romancier. Für das Schauspielhaus Wien verfasster er das Auftragsstück Makulatur – ein Werk über das, was wir sehen, nicht sehen und zu sehen glauben. Mehr
„Eine Frau lernt Techniken und Preise von Schönheitsoperationen auswendig. Ein Mann verfällt jenem Augenblick, in dem im Film unbemerkt die Überwachungskameras angehalten werden und für einige Sekunden Dinge passieren, die niemand ahnt. Die Angst eines Polizisten, keinen Parkplatz zu bekommen, nimmt ungeahnte Ausmaße an. Daneben geht ein Mädchen verloren.“
Was sehe ich, wenn ich genau hinschaue, und was habe ich am Ende wahrgenommen? So fragt Paulus Hochgatterer, Kinderpsychiater und einer der prononciertesten österreichischen Prosaautoren, für sein neues, vom Schauspielhaus Wien in Auftrag gegebenes Stück. Es thematisiert die Beobachtung und die Netzhaut, absichtliche und organische Wahrnehmungstäuschung. Dabei spielt der gelbe Fleck eine Rolle, jener Teil der Netzhaut im Auge, der die meisten Sehzellen enthält (nicht zu verwechseln mit dem blinden Fleck, an dem der Sehnerv austritt). Es geht also auch um eine Makuladegeneration im Auge des Betrachtenden: Ich sehe was, das ich nicht kenne. Ich sehe was, das ich nicht erkenne. Ich sehe was, das ich fühle, wittere, aber das mir nicht ersichtlich ist. Alles nur Wahrnehmungsfragen, ein Spiel, Theaterspiel oder doch nur eine Täuschung des Auges, der Kamera, ein blinder oder zu gelber Fleck? Makulaprobleme oder Makulatur? „Und ist nicht das“, fragt Hochgatterer weiter, „was wir grosspurig unsere Identität nennen, langst bloße Chimäre?“
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Künstlerische Leitung und BesetzungINSZENIERUNG / Barbara-David Brüesch
Bühne / Damian Hitz
Kostüme / Corinne Rusch
Musik / Gaudenz Badrutt, Christian Müller
Mit / Franziska Hackl, Steffen Höld, Barbara Horvath, Katja Jung, Max Mayer, Christoph Rothenbuchner, Nikola Rudle
ProduktionPRODUKTION Schauspielhaus, Wien
IN KOPRODUKTION MIT Wiener Festwochen
Pressestimmen
"Makulatur"-Premiere: Die Neurosen blühen
Das Schauspielhaus-Ensemble brilliert in gewohnter Weise bei der Uraufführung von "Makulatur" und zeigt: Jeder hat seinen persönlichen Defekt.
[...] Barbara-David Brüesch hat den abgründigen, aberwitzigen Text perfekt inszeniert. Auszucker verschiedenen Ausmaßes, latente Gewalt, unausgelebt gebliebenes Begehren haben eben auch komische Seiten. Und die Neurosen blühen. Das Schauspielhaus-Ensemble brilliert in gewohnter Weise, hervorragend ergänzt durch seine Gäste.
Die Unmoral von der Geschicht: Jeder hat seinen persönlichen Defekt. Es kommt im Leben nur drauf an, wie gut man ihn versteckt.
Kurier, 5. Juni 2012
Schnittpräparat unserer Gesellschaft
[...] Einmal mehr zeigt sich das Schauspielhaus-Ensemble, diesmal ergänzt mit Christoph Rothenbuchner vom Grazer Schauspielhaus als Polizist und der jungen Nikola Rudle als Schülerin, mit allen Wasser gewaschen. Steffen Höld glänzt als undurchsichtiger Jablonski, der versucht, "aus der Zeit zu fallen", und mit seinem Messer Menschenfleisch und Wurstsemmeln schneidet, Max Mayer und Barbara Horvath geben ein großartig im Ehekleinkrieg aufgeriebenes Paar, ständig knapp vor der Explosion, Katja Jung als Trafikantin und Franziska Hackl als Polizistin zeigen aufblühende Neurosen, Menschen, denen erst etwas weggeschnitten werden muss, um sich komplett zu fühlen. [...]
APA, 4. Juni 2012
Paare, Passanten, Polizisten
Paulus Hochgatterers Stück "Makulatur" - über sieben Menschen, die der Schwedenplatz zusammenführt - gewinnt in der Uraufführung durch die Komik im Spiel
[...] In Windeseile klopft Regisseurin Barbara-David Brüesch die Szenen weich. Komik geht vor Tragik - und fast wie beiläufig erblühen dabei die oft berufsbedingten Macken dieser sieben Wienerinnen und Wiener. Wäre Hochgatterer ein Bildhauer, man könnte den Staub seiner Figuren noch riechen. Denn was hier anfangs noch als der ganz persönliche "Vogel" eines Einzelnen erscheint, könnte im nächsten Schritt schon der Tritt in den Abgrund sein. Diese schwebende Ahnung ist über die witzige Akkuratesse hinaus der Herzschlag des Stücks. [...]
Eine ureigene Komik im Spiel des Ensembles zwingt die mattesten Besucher zu Aufmerksamkeit. Besonders herzhaft gelingt es Barbara Horvath und Max Mayer, Kostproben einer ausgeleierten Ehe zu geben: eine zwänglerische Lehrerin, der es zur Gewohnheit geworden ist, ihren Gatten, einen auf Kellerbauten spezialisierten Architekten, zu drangsalieren.
Makulatur ist in seiner Offenheit ein durch und durch modernes Drama und zugleich ein bittersüßes wienerisches Stück, das seine Abgründigkeit hinter satten Schmähs gut verbirgt. Brüesch hat es mit einfachen Manövern aufgeschlossen, als Figuren-Panorama, das etwas Schärfe durchaus noch vertragen hätte.
Der Standard, 6. Juni 2012