


Der 200. Geburtstag Verdis (und Wagners) 2013 ist ein passender Anlass, die gegenseitige Faszination von Kunst und Macht in den Mittelpunkt des Festwochen-Musikprogramms zu stellen, die Fragestellung nach dem inhaltlichen und ästhetischen Verhältnis von Kunst und Politik. In den Werken dieser Saison liegt der Fokus auf zwei Hauptpolen, die in einem unendlich nuancenreichen Prisma miteinander in Spannung gesetzt werden: einerseits die Kunst, die das Politische imitiert, es der Macht gleichtut, ihre Kraft beweisen will, nämlich jene des Revolutionierens; andererseits die Kunst, die das Politische verweigert, sich am Rande des Realen und seiner Kämpfe behauptet, auf der Suche ist nach einer anderen Macht, jener des Erkennens. Mit zwei internationalen musikdramatischen Produktionen und zwei Uraufführungen von Wiener Musiktheatergruppen steht das Musikprogramm 2013 für die zweifache, die internationale wie lokale, Verankerung der Wiener Festwochen.
Il Trovatore in der Regie von Philipp Stölzl beschließt nach Luc Bondys Rigoletto und Deborah Warners La Traviata unseren Zyklus mit späten Verdi-Werken. Am Pult steht der israelische Dirigent Omer Meir Wellber, einer der jungen Stars im Graben der größten internationalen Opernhäuser. Mit der Sensation der heurigen Opernsaison, dem im Sommer beim Festival d’Aix-en-Provence uraufgeführten Written on Skin von George Benjamin mit einem Text von Martin Crimp, kommt eine Oper nach Wien, der das schier Unmögliche gelungen ist, die Erwartungen der unterschiedlichsten Publikumskreise zu erfüllen – von den vom hohen Können des Komponisten begeisterten Liebhabern der klassisch-romantischen Oper bis zu den Fans des zeitgenössischen Theaters, die der „poetische Realismus“ des Librettos und seine eindrucksvolle dramatische Umsetzung in der Inszenierung von Katie Mitchell faszinierten. Die Uraufführungen der Musiktheaterprojekte JOIN! (Oper von Franz Koglmann nach einem Libretto von Alfred Zellinger) und Die Ballade von El Muerto (Musiktheater von Diego Collatti mit einem Text von Juan Tafur im Rahmen der Programmschiene Into the City), koproduziert mit den Ensembles netzzeit und progetto semiserio, demonstrieren den Willen der Wiener Festwochen, der innovativen zeitgenössischen Wiener Szene jene Bühne zu bieten, auf der diese im Blickfeld der Welt den Blick auf die Welt richten kann.
Die Reihe Into the City widmet sich dem Thema music and politics und stellt in unterschiedlichen Formaten und Zusammenhängen die gesellschaftliche Bedeutung von Musik in unserer Zeit heraus. Workshops und Konzerte in verschiedenen Einrichtungen und Örtlichkeiten verbinden das diesjährige Into the City Festivalzentrum im Wien Museum Karlsplatz mit der Stadt.
Stéphane Lissner
